„Und Frieden auf Erden“ – aber nicht in Palästina

Eine ganz unsentimentale Betrachtung eines Nichtchristen zum Weihnachtsfest 2018

Von Arn Strohmeyer, 15.12.2018

„Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, rufen die Engel in der Weihnachtsgeschichte des Lucas-Evangeliums. Und in den Kirchen wird wieder von den Kanzeln die frohe Botschaft von Maria und Josef und dem Jesuskind in der Krippe im Stall von Bethlehem mit großem Pathos verkündet. Aber mit dem Frieden ist es in dem Land, das angeblich das „Heilige“ ist und in dem die Engel sangen und die Hirten ihre Zeugen gewesen sein sollen, so eine Sache. Wirklichen Frieden hat es dort selten gegeben, Palästina war in seiner Geschichte immer wieder umkämpft, es wurde erobert, erneut umkämpft und immer wieder erobert. Vor fast 140 Jahren kamen die letzten Eroberer nach Palästina – zionistische Siedlerkolonialisten, die den dort lebenden Arabern das Land wegnahmen und nach vielen Jahren dauernden Kämpfen ihren Staat errichteten. Seitdem herrscht im „Heiligen Land“ permanenter Kriegszustand, Willkür, Besatzung, Unterdrückung, Terror, Ausnahmezustand…

Und die Weihnachtsgeschichte? Auch von ihr ist außer viel gefühlvoller Innerlichkeit bei denen, die glauben (besonders in Deutschland) und milliardenschwerem Konsum nicht viel geblieben. Selbst Theologen halten die Erzählung von Jesu Geburt im Stall von Bethlehem für eine historisch wertlose, weil frei erdachte Legende. Sie ist von ihren Autoren aus rein theologischem Interesse heraus erfunden worden, um alttestamentliche Weissagungen erfüllt zu sehen: dass aus Bethlehem der Messias hervorgehen wird, der über Israel herrschen soll (Micha 5,1).

Das Weihnachtsfest entbehrt also jeder historischen Grundlage, auch die so bekannten Erzählungen, die mit ihm im Zusammenhang stehen sollen (Volkszählung, Kindermord, Geburt im Stall, die Ankunft der heiligen drei Könige, Flucht nach Ägypten) sind ein Konglomerat aus Geschichtsirrtümern, Wunschdenken und Dogmatik. Das Hauptfest der Christen gründet sich zur Gänze auf Legenden. Hier sind nicht einzelne Punkte verändert oder erfunden worden, hier ist ein ganzer Kranz von Legenden, geschichtlich wertlos, jedoch von großer historischer Beständigkeit und weit reichender Wirkungsgeschichte aus frommer Fantasie erfunden worden. (der Theologe Heinz-Werner Kubitza)

Und der himmlische Appell für Frieden? Die Weltgeschichte war trotz oder gerade auch wegen Jesu Botschaft eine ununterbrochene Kette von Kriegen und Gewalttätigkeiten, die viel Not und unendliches Leid für die Menschheit gebracht haben – bis heute. Wirklichen Frieden hat es immer nur vorübergehend in kurzen Epochen gegeben, zumeist waren es nur Waffenstillstände. Das Christentum hat so gesehen in seiner Geschichte wenig zum Frieden in der Welt beigetragen. Gerade in Palästina hat es – denkt man etwa an die Kreuzzüge – schwere Verbrechen begangen und so große Schuld auf sich geladen. Im Namen des christlichen Gottes waren die europäischen Ritter ausgezogen, das „Heilige Land“ zu erobern. Was sie darunter verstanden, war klar: entweder die muslimischen „Heiden“ mit dem Schwert zum rechten Glauben zu bekehren oder sie schlicht auszurotten. Ströme von Blut sind bei diesem Unternehmen geflossen. Die Araber haben diese ihnen von Christen zugefügte Katastrophe nie vergessen und sehen sie als Vorgeschichte der bis heute andauernden westlichen Aggression und Gewalt gegen den Nahen und Mittleren Osten an.

Denn Jahrhunderte später hat der Kolonialismus der christlichen Staaten (England und Frankreich) durch seine verhängnisvolle Politik im Orient und besonders auch in Palästina Verhältnisse geschaffen, die die Region bis heute in Unruhe und Chaos halten. Die christlichen USA stehen in der Tradition dieser Politik und stützen den siedlerkolonialistischen Staat Israel, haben ihn zur militärischen Vormacht in der Region gemacht und verhindern so jeden Ansatz zu einem gerechten Ausgleich der Interessen.

Der Beitrag der Kirchen zu einem Frieden dort ist eher bescheiden zu nennen. Immerhin unterhält die katholische Kirche Beziehungen zu den Palästinensern und befürwortet die Zwei-Staaten-Lösung in Palästina. Die protestantische Kirche ist aber die Gefangene ihrer eigenen Nach-Auschwitz-Theologie, die besagt, dass sie die heutigen jüdischen Israelis immer noch als die authentischen Nachkommen des alttestamentarischen „Volkes Gottes“ ansieht, diese also das Recht auf das Land haben, die Palästinenser spielen in diesem Szenario überhaupt keine Rolle. Die in den USA sehr mächtigen Evangelikalen sehen die Gründung Israels 1948 als wichtiges Zeichen der Endzeit an, das darauf hinweist, dass Christus als Messias wiederkommen, die Menschheit in einen letzten Kampf (Armageddon) führen und die Welt dann in Frieden regieren wird. Sie unterstützen Israel deswegen mit beträchtlichen Geldmitteln und sind begeisterte Anhänger der Trumpschen Nahost-Politik. Positiv erwähnt werden muss aber, dass christliche Menschenrechtsgruppen beider großen Konfessionen sich sehr engagiert für einen Frieden in Israel/Palästina einsetzen.

In einer Zeit, in der das Wertbewusstsein dafür, was Frieden eigentlich bedeutet, offenbar weitgehend verloren gegangen ist, weil Machtpolitik und ökonomische Interessen das Weltgeschehen dominieren, muss man die Frage nach dem Sinn von Frieden wieder neu stellen, was heißt, man muss den biblischen Friedensapell aus der mythischen in die säkulare Sprache übersetzen und fragen: Was kann Frieden heute noch bedeuten, und wie ist er möglich beziehungsweise warum ist er unmöglich – vor allem in Palästina? Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage kommt man um die große Zeit der Aufklärung und ihren deutschen Hauptvertreter Immanuel Kant (1724 – 1804) nicht herum.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen zum Problem des Friedens sind zwei Festlegungen: seine Definition der Aufklärung und daraus folgend sein Bild vom Menschen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Und: Jeder Mensch hat nach Kant den Anspruch sein Selbst-Zweck zu sein, das heißt von jedem anderen auch als solcher geschätzt und von keinem als bloßes Mittel zu anderen Zwecken gebraucht zu werden. Das ist aber nur unter freien und gleichen Menschen möglich. Die Würde des Menschen besteht also aus seinem Zweck-an-sich-selbst, also niemals Mittel zu sein, das von anderen Menschen gebraucht wird. Kant sagt es nicht so direkt, aber es ist klar, was er meint: dieser Begriff vom Menschen schließt Gewalt über andere Menschen in welcher Form auch immer (Krieg, Unterdrückung, Ausbeutung) aus.

Auf dieser gedanklichen Grundlage formuliert er die Bedingungen für eine Zukunft ohne Gewalt: Nur eine staatsbürgerliche Ordnung (für Kant eine „republikanische Verfassung“), zu der sich freie und gleiche Menschen zusammengeschlossen haben, kann Frieden gewährleisten. Zudem müssen sich Staaten (wie einzelne freie Menschen in der von ihm angestrebten Republik) miteinander verbinden, um ihren kriegerischen Eigensinn unter gemeinsame Kontrolle zu bringen und so einen dauerhaften Frieden zu begründen. Hindernisse auf dem Weg zu einem solchen Prozess sind vor allem die Gier zum Immer-mehr-Haben-Wollen und das profitorientierte Handeln. Kant schwebt so etwas wie eine Föderation freier, souveräner Staaten (ein „Völkerbund“) vor, die sich nach einem gemeinschaftlich verabredeten „Völkerrecht“ richten sollen. Er gibt sich aber keinen Illusionen hin und weiß, dass zu einem solchen „weltbürgerlichen“ Zustand ein langer, kontinuierlicher Annäherungsprozess der Staaten nötig ist. Die Gedanken Kants und anderer Aufklärer fanden dann auch in der UN-Menschenrechtscharta aus dem Jahr 1945 ihren Niederschlag.

Was bedeuten Kants Gedanken in Bezug auf Israel/Palästina? Der Philosoph aus Königsberg hat (ohne ein Prophet sein zu wollen), einen klaren Hinweis gegeben, warum es dort keinen Frieden gibt und warum er dort ganz offensichtlich auch nicht möglich ist: weil es dort keine Gesellschaft bzw. keinen Staat der Freien und Gleichen gibt, weil dort Gewalt und die Unterdrückung von Menschen vorherrschen und weil eben die Unterdrückten (die Palästinenser) gar keine Chance haben, ihre Würde als Zweck-zu-sich-selbst zu leben, sie sind lediglich Mittel der Repression eines siedlerkolonialistischen Herrenvolkes. Und diese äußerst disharmonische Situation der israelischen Gesellschaft mit ihrer Gier zum Immer-mehr-Haben-Wollen (in diesem Fall das Land der Palästinenser) macht Israel zu einem aggressiven Staat, für den Krieg der Normalzustand ist.

Der Kern und das Wesen des Konflikts waren von Anfang an die zionistischen Ansprüche auf ein arabisches Palästina und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Israel ist eine Insel im riesigen arabisch-muslimischen Raum, die sich der europäischen Zivilisation und Kultur und ihren Werten zugehörig und verpflichtet fühlt. Aber wenn es denn idealiter so etwas wie ein westliches Wertesystem im oben angeführten Sinne Kants gibt, dann macht die israelische politische Realität mit ihren Besatzungs- und Apartheidstrukturen deutlich, dass dieser Staat zivilisatorisch und kulturell nicht zum Westen gehört. Und Israel will diese Zugehörigkeit offenbar auch gar nicht oder nur eingeschränkt, denn seine führenden Politiker betonen immer wieder, dass man mit Menschenrechten und Völkerrecht im westlichen Sinne nichts zu tun habe, weil der Zionismus (die israelische Staatsideologie) seine eigenen Gesetze habe.

Aber nicht nur Israel befindet sich da in einer eklatanten widersprüchlichen Situation, sondern auch der Westen. Denn durch seine Duldung und sogar Unterstützung der repressiven Strukturen Israels und dessen ständigen kriegerischen Ausbrüchen stellt er sein eigenes Wertesystem ebenfalls in Frage. Dazu gehört auch, dass der Westen stillschweigend die israelische ahistorische Darstellung des Konflikts akzeptiert: eben das Bild von den friedliebenden Israelis und den friedensunwilligen, aggressiven Arabern, speziell den Palästinensern.

Der deutsche Soziologe Walter Hollstein schrieb schon 1972: „Die ungeschichtlichen Erklärungsmuster des Nahost-Konflikts nützen Israelis wie auch dem Abendland: Das erstere lässt dergestalt vergessen, dass der Zionismus mit seinem Machtanspruch überhaupt erst die Auseinandersetzung mit der arabischen Welt herausforderte; das letztere kaschiert erleichtert, dass sein Antisemitismus am Ursprung des Zionismus stand und also die andauernde Auseinandersetzung im Nahen Osten wesentlich mitbedingte. So umgeht man bequem die Analyse der wirklichen Ursachen des Nahost-Konflikts und akzeptiert das Gesetz des Schweigens über diese schreienden Wahrheiten der Geschichte.“

In der deutschen Gesellschaft ist seit einiger Zeit eine sehr intensive Diskussion über das „Böse“ entbrannt, womit die aggressiven, destruktiven Anteile der menschlichen Seele gemeint sind. Die Debatte ist eine Folge der zunehmenden Gewalt im nationalen oder internationalen Rahmen: Kriminalität, organisiertes Verbrechen, Terrorismus, Kriege usw. Die westliche Politik behauptet in diesem Zusammenhang (wie oben bereits angesprochen), „wertorientiert“ zu sein, also für Freiheit, Demokratie, Rechtstaat, Menschenrechte und Völkerrecht einzustehen, was heißt: auf der Seite der „Guten“ zu sein. Die „Anderen“ – etwa Putins Russland, Assads Syrien, der Iran, die Hisbollah und die Hamas – sind die „Bösen“. Dass mit dem Vorschieben von „Werten“ zumeist nur die eigenen Interessen kaschiert werden, ist eine Binsenweisheit. Die katastrophalen politischen Fehler des Westens (wie etwa Bushs völkerrechtswidriger Irak-Krieg 2003) haben im Nahen und Mittleren Osten ein beispielloses Chaos geschaffen, Hunderttausende sind dabei ums Leben gekommen – und das Sterben geht weiter, weshalb die Menschen dort sehr wohl den immensen Widerspruch zwischen den hehren westlichen Freiheitsversprechen und den schrecklichen Folgen der westlichen Realpolitik verstanden haben.

Und sie haben auch die moralische Doppelbödigkeit der Propagierung der westlichen Werte verstanden: Sanktionen gegen Russland, Syrien und den Iran, aber jedes Wohlwollen und jede Unterstützung für Israel, dessen Gewalt- und Landraubpolitik gegenüber den Palästinensern ein Hohn auf jede Humanität ist. Und wenn der Westen (besonders Deutschland) immer wieder gebetsmühlenartig sein Eintreten für Israels Sicherheit betont, dann bedeutet das nichts anderes, als dass man gar nicht daran denkt, die Besatzung und die Herrschaft über die Palästinenser zu beenden. Und wenn diese Unterdrückten dann gegen dieses ihnen vom Westen zugefügte Unrecht aufbegehren, dann sind sie die „Bösen“ bzw. die „Terroristen“, die man erst durch eine inhumane Politik selbst geschaffen hat, um sie dann im Namen der „westlichen Werte“ bekämpfen zu müssen. Ein absurder Teufelskreis, der sich immer weiterdreht, ohne dass Vernunft und Moral ihm Einhalt gebieten.

Natürlich befindet sich Israel, obwohl es seit Jahrzehnten ein ganzes Volk brutal unterdrückt (4,5 Millionen Menschen im israelischen Herrschaftsbereich haben keine bürgerlichen und politischen Rechte und der Landraub für die Siedlungen geht ungebremst weiter) und obwohl der zionistische Staat seine Nachbarn (zur Zeit Syrien und den Libanon) nach Belieben überfällt und attackiert, weil ihm nach dem Holocaust „alles erlaubt ist“, steht er in den Augen des Westens auf Seiten der „Guten“. Denkt man an die oben angeführten Kriterien von Immanuel Kant, dann ist Israels politisches Handeln zutiefst unmoralisch, ja „böse“. Aber an diesen Staat werden ganz andere Maßstäbe angelegt, was wiederum die Glaubwürdigkeit des Westens, sich auf seine Werte berufen zu können, völlig unterhöhlt.

Wie kann man das moralisch „Böse“ der israelischen Politik beschreiben, um dieses Phänomen psychologisch beziehungsweise psychoanalytisch besser zu verstehen? Ganz allgemein lässt sich sagen (und diese Aussage trifft natürlich nicht nur auf Israel zu, weil es sich hier um ein universales menschliches Problem handelt): Das Böse gehört zur menschlichen Natur, es existiert im Unbewussten jedes Individuums und Kollektivs, wird aber nur dann destruktiv wirksam, wenn es als solches nicht erkannt und nicht ins Bewusstsein gehoben wird, sondern im Unbewussten weiter seine Wirkung entfalten kann. Dann kann das Böse – abgetrennt von den positiven Anteilen der Psyche – eine Eigendynamik entwickeln, indem es als Projektion auf die Außenwelt gerichtet wird. Dabei handelt es sich um eine Form der Angstabwehr, die Angstinhalte werden verschoben und damit zugleich verewigt. Das eigene Böse wird dann auf den „Anderen“, den Gegner, den „Feind“ projiziert, dieser wird dämonisiert und stellt dann das dar, was man selbst nicht sein will. Das auf den „Gegenüber“ oder „Feind“ übertragene Böse nötigt dann den Verdränger dazu, das Verdrängte selbst zu werden und zu tun. (Natürlich gibt es auch das ganz bewusst und vorsätzlich geplante und angewandte Böse, aber dieses braucht zu seiner moralischen Rechtfertigung auch die Projektion, um den „Anderen“ dämonisieren zu können.)

Das klingt sehr abstrakt und theoretisch, trifft aber auf die israelische Situation genau zu, was hier an drei Textbeispielen von jüdischen Autoren belegt werden soll. So sieht die israelische Psychoanalytikerin Ruchana Marton in der Mauer, die die Israelis zur Abschottung gegen die Palästinenser gebaut haben, eine „metaphorische Blende“, deren Sinn und Funktion es ist, die „Existenz des palästinensischen Volkes insgesamt auszublenden“. Sie begründet das so: „Von einer psychologischen Warte aus ermöglicht diese Blende es den jüdischen Israelis, das Leid und die Menschlichkeit der Bewohner auf der anderen Seite zu vergessen. (…) Ein brauchbarer Ansatz, einige der psychologischen Mechanismen zu verstehen, die mit der Mauer zu tun haben, ist das Prinzip der Spaltung. Es lässt zwei Extreme zu, die Welt ist in ‚gut‘ und ‚böse‘ gespalten, ohne ein Mittleres. Spaltung ist der primitivste Abwehrmechanismus, auftretend bei übergroßer Verängstigung und einem Bedürfnis, unerträglich starke positive und negative Emotionen voneinander zu trennen. Ironischerweise fordert diese begriffliche Verarbeitung laufend psychologische Energie und ist als Langzeitlösung nicht sehr effektiv, denn die Ängste werden eher blockiert als erforscht, verarbeitet und schließlich abgebaut.“

Weiter schreibt Ruchama Marton: „Indem man sowohl die äußeren wie die inneren Aspekte des guten Selbst vom bösen Selbst abspaltet, ist es psychologisch möglich, die ungeliebten Teile des eigenen Selbst auf den ‚Anderen‘, d.h. die Palästinenser, zu übertragen. Dann kann man die projizierten Teile und Eigenschaften verachten, die ja nun dem ‚Anderen‘ angehören. Die Trennmauer wird so ausschließlich als Akt des Selbstschutzes wahrgenommen, als Schutz vor der wilden Aggression, die man mit den Palästinensern assoziiert. Die Mauer erlaubt dem zionistischen israelischen Kollektiv-Selbst, sich nicht als aggressiv, gewalttätig, grausam, Besitz ergreifend, als Verletzer von Menschenrechten zu sehen, indem alle diese Züge auf die Palästinenser jenseits der Mauer projiziert werden.“

Die Mauer ist also nicht nur eine physische Barriere, sie trennt auch – in den Augen der Israelis – das fortschrittliche, zivilisierte und demokratische Israel von den rückständigen, barbarischen und gewalttätigen Palästinensern. Die Mauer erlaubt es den Israelis, diese ‚Anderen“, die vor allem als „Terroristen“ und Selbstmordattentäter wahrgenommen werden, ohne Empathie und Miterleben des menschlichen Leids auszublenden. Ruchama Marton schreibt: „Sie [die Mauer] ist undurchsichtig, um den Blick auf das Elend und Leid auf der anderen Seite zu verhindern. Wäre sie durchsichtig, könnten wir tatsächlich das beunruhigende Leid der Menschen auf der anderen Seite sehen. Sie ist hässlich, denn sie soll die Illusion stützen, auf der anderen Seite lebe ein böses, ein hässliches Monster und keine normalen Menschen. Die palästinensische Existenz jenseits gilt als minderwertig, hässlich, schmutzig, gewalttätig und gefährlich.“ Durch diese Abschottung und die Verweigerung des Blicks auf die andere Seite stumpfen die Israelis aber auch selbst ab, denn sie spalten ja einen Teil ihrer eigenen Psyche ab, die sie nicht mehr wahrnehmen. Das Getto kommt so wieder und mauert auch die Israelis ein, soweit Ruchana Marton. Der israelische Historiker Benny Morris vertritt genau diese Auffassung einer Spaltung in „gut“ und „böse“, Er nennt die Palästinenser „Barbaren“, „Serienkiller“ und „wilde Tiere“. Man müsse sie einsperren, damit sie die Israelis nicht umbringen könnten. Man müsse eine Art Käfig für sie bauen, um sie darin wegzusperren.

Der israelische Psychoanalytiker Ofer Grosbard bestätigt die Aussagen von Ruchana Marton und bringt den Begriff der Paranoia in die Analyse ein. Er schildert ausführlich die fatalen Folgen, die eine solche seelische Disposition – die Projektion des eigenen Bösen auf den „Anderen“ – für den Einzelnen wie auch die Gesellschaft und die Politik des Staates hat. Die Juden haben sich früh in ihrer Geschichte von den anderen Völkern abgesondert, weil sie glaubten, dass sie vom allmächtigen Gott ganz besonders und bevorzugt geliebt würden und deshalb auserwählt seien. Grosbard schreibt: „Das jüdische Volk hat sich über Jahre hinweg durch seine Unterschiedlichkeit und Eigenheiten selbst von den Nachbarländern abgesondert. Die Isolation birgt in sich selbst gleichzeitig Gefühle des Verfolgtseins und der Überlegenheit. Da ich so großartig und wichtig bin, haben die anderen einen Grund mich zu beneiden, zu verfolgen und zu hassen. Aus der Psychopathologie wissen wir, dass Paranoia sich häufig mit Größenwahn verbindet.“

Das jüdische Trauma, das bis zur Paranoia gehen kann, ist angesichts der Geschichte dieses Volkes mit all ihren Verfolgungen und Katastrophen ja auch durchaus verständlich, auch wenn man hinzufügen muss, dass es in der jüdischen Geschichte auch lange Perioden der Ruhe und des friedlichen Zusammenlebens mit Nicht-Juden gegeben hat (das Gegenteil zu behaupten, ist ein zionistischer Mythos). Die Angst ist aber dennoch in der Seele jedes Juden tief verwurzelt. Grosbard schildert alle Facetten dieser Angst, und wie eng sie mit der Paranoia verschwistert ist – dem Gefühl der ständigen Bedrohung, auch wenn diese gar nicht real vorhanden ist. Der in Israel allgegenwärtige Satz „Die ganze Welt ist gegen uns!“ ist der Beleg für den Fortbestand dieses paranoiden Seelenzustandes. Der israelische Psychoanalytiker legt dar, dass die Bedrohungsangst im Fall Israels in erster Linie ein Phänomen des seelischen Innen und nicht des Außen ist. Weil die Vergangenheit immer präsent ist, fällt es so schwer, die gefühlte Bedrohung im Innen und die reale Bedrohung von außen auseinanderzuhalten. Der Paranoide fühlt sich immer bedroht.

Der Paranoide schwankt also zwischen Unsicherheit und Angst einerseits und Selbstgerechtigkeit, dem Gefühl der Einzigartigkeit, Überheblichkeit und Arroganz auf der anderen Seite. Eine solche Haltung verstellt aber den Blick auf die reale Außenwelt, weil sie immer die schlimmen Erinnerungen der Vergangenheit in die gegenwärtige Wirklichkeit hineinzieht. Aus diesem Grund kann der Paranoide dem „Anderen“ in seiner Realität nie wirklich begegnen, ohne das Gefühl der Bedrohung auf ihn zu übertragen, was auch heißt, er kann die Schuld für das eigene Tun nie bei sich selbst suchen, sondern immer nur beim „Anderen“, was aber wiederum jede Übernahme von Verantwortung ausschließt.

Der Paranoide ist deshalb dem „Anderen“ gegenüber auch zu keiner Empathie fähig, worin Grosbard den Grund für die offenbar unlösbare Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern sieht. Erst wenn Israel bereit wäre, die Leiden, die es den Palästinensern zugefügt hat, anzuerkennen und zu einer Politik der Entschuldigung und Versöhnung fähig und bereit wäre, könne es seine Paranoia überwinden. Die Alternative ist die Fortsetzung von Gewalt und Krieg. Grosbard schreibt: „Solange wir die Existenzberechtigung der Palästinenser leugnen und die legitimen Rechte der Araber nicht anerkennen, werden wir keinen Frieden haben. Solange wir nicht verstehen, dass wir aus ihrer Sicht wie aus einer anderen Welt gekommen sind, ihr Land besetzt und sie aus ihren Häusern vertrieben haben, solange wird es keine Versöhnung geben.“

Die amerikanisch-jüdische Philosophin Judith Butler verfolgt wie Ruchana Marton und Ofer Grosbard auch einen psychoanalytischen Ansatz, argumentiert ganz ähnlich, geht aber über deren Analysen hinaus, indem sie einen Weg aufzeigt (vielleicht den einzig möglichen), wie der Teufelskreis der Gewalt durchbrochen werden kann und so etwas wie Frieden möglich würde. Israels Politik ist ihr zufolge vom Holocaust angetrieben, was einerseits aus der jüngsten jüdischen Geschichte heraus verständlich ist, andererseits wird dieses Trauma von der offiziellen israelischen Politik aber ganz bewusst am Leben erhalten und politisch instrumentalisiert. Letzteres ist deswegen sehr gefährlich, weil das Trauma Wiederholungscharakter, ja Wiederholungszwang hat. Judith Butler schreibt: „Das Trauma bricht in die Gegenwart ein und zieht die Möglichkeit der Gegenwart in die Vergangenheit hinein; die Traumatisierten werden damit in einer ungewissen geschichtlichen Zeit festgehalten, in der diejenigen, die traumatisches Leid zufügten, die eigene Welt erneut bevölkern und die Möglichkeit einer anderen Zukunft verbauen.“

Es gibt viele Beispiele, die das hier von Judith Butler Gesagte belegen: etwa die vielen Nazi-Vergleiche, die israelische Politiker ständig benutzen – so sind Nasser, Arafat und Ahmadinedschad immer wieder mit Hitler gleichgesetzt worden. Jedem Politiker oder jedem Staat, der Israel nicht wohlgesonnen ist (wie jetzt etwa der Iran) wird die Planung eines neuen Holocaust unterstellt. Die Palästinenser werden als die „neuen Nazis“ dämonisiert. Als Israels Truppen 1982 Beirut eingekreist hatten, verstieg sich der israelische Ministerpräsident Menachem Begin zu der Aussage: „Ich fühle mich, als hätte ich eine Armee nach Berlin geschickt, um Hitler im Bunker zu vernichten.“ Israels Sicht auf das gegenwärtige politische und militärische Geschehen ist also tief in der Vergangenheit verhaftet, wodurch die aktuelle Realität ausgeblendet wird. Wenn die Vergangenheit aber ständig in die Gegenwart hineingezogen wird, ist die Wiederholung der selbst erlittenen Gewalt nun an anderen fast unumgänglich, wenn jetzt auch unter anderen historischen Umständen und nicht in der gleichen Weise des Vorgehens. Judith Butler schreibt mit dem Blick auf Israel: „Wir müssen auch einsehen, dass niemand kraft Geschichte von der Möglichkeit ausgenommen ist, selbst Unterdrücker und Übeltäter zu werden.“

Was aber kann man dem aus dem Trauma folgenden Zwang zur Wiederholung der Gewalt entgegensetzen? Judith Butler sieht als einzigen Weg zum Frieden nur die Notwendigkeit, Klarheit über den Unterschied zwischen „damals“ und „heute“ herzustellen. Wenn das „Damals“ das „Heute“ beherrscht, muss dies zur Blindheit in und gegenüber der Gegenwart führen. Die israelische Politik wird so gesehen nur zum Frieden, also zur Anerkennung der Grundsätze von Gerechtigkeit, Gleichheit und Achtung für Leben und die Wohnstatt der „Anderen“ finden, wenn sie zulässt, dass Distanz zur Vergangenheit geschaffen wird, das heißt, wenn der Holocaust Vergangenheit wird, was nicht vergessen heißen soll, sondern eine andere Art des Nichtvergessens wäre. Erst dann – so Judith Butler – kann Israel aus der Vergangenheit Lehren ziehen, die die Formulierung von Grundsätzen humanen Verhaltens ermöglichen. Sie schreibt: „Das Trauma lässt sich zwar nicht durch einen bloßen Willensakt aus der Welt schaffen, aber man kann es so weit durcharbeiten, dass wir uns darüber klar werden, wie es die Gegenwart in die Vergangenheit hineinzuziehen oder vielmehr die Vergangenheit als Gegenwart zu wiederholen und damit die Erfahrung der geschichtlichen Distanz zu übergehen droht, jenes Intervalls, das wir brauchen, um Klarheit darüber zu gewinnen, wie wir angesichts einer solchen Vergangenheit das Beste aus der Gegenwart machen können.“

Das wäre ein humaner Ansatz, in der so leidgeprüften Region Palästina

zu einem wirklichen Frieden zu kommen. Aber dem stehen die harten politischen Realitäten gegenüber. Die Israelis müssten nicht nur ihr eigenes Trauma durch Verarbeitung überwinden, sondern sie müssten auch das Trauma, das sie der anderen Seite (den Palästinensern) zugefügt haben, anerkennen und sie um Vergebung bitten. Ein solcher Schritt würde aber die Gründungsmythen und die Grundlagen ihres ganzen staatlichen Projekts (des Zionismus) in Frage stellen. Die Begründung einer anderen, neuen politischen Kultur (im Sinne Kants und der UN-Menschenrechtscharta) wäre zur Bewältigung dieser Aufgabe nötig, aber es gibt im heutigen Israel nicht einmal einen Hoffnungsschimmer, dass sich die Politik in diese Richtung bewegen wird. Denn dazu wäre ein Mentalitätswechsel (im Sinne des biblischen metanoein = umdenken) nötig, aber solche Prozesse nehmen viel Zeit in Anspruch oder finden gar nicht statt. Der Frieden im „Heiligen Land“ wird deshalb noch lange eine Utopie bleiben.

Literatur:

Butler, Judith: Am Scheideweg. Judentum und die Kritik am Zionismus, Frankfurt/Main 2013

Geier, Manfred: Aufklärung, Das europäische Projekt, Reinbek 2012

Grosbard, Ofer: Israel auf der Couch. Zur Psychologie des Nahostkonfliktes, Düsseldorf 2001

Hollstein, Walter: Kein Frieden um Israels. Zur Sozialgeschichte des Palästina-Konfliktes, Frankfurt/ Main 1972

Kant, Immanuel: Werke, Darmstadt 2011

Kubitza, Heinz-Werner: Der Jesus-Wahn. Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung, Marburg 2011

Rotchild, Alice: Gebrochene Versprechen – geplatzte Träume. Geschichten von jüdischen & palästinensischen Traumata und Unverwüstlichkeit, Neu-Isenburg 2009

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